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Geschichtliche Wanderung durch Reifferscheid Geschichtliche Wanderung durch Burg und Siedlung Reifferscheid
E i n f ü h r u n g
Es ist bezeichnend für die Eifel, daß sich hier keine großen Städte entwickelt haben; der Verkehr flutete an dem Gebirge vorbei, und die wirtschaftliche Entwicklung war nicht sehr bedeutend. In der Eifel gab es jedoch viele Kleinherrschaften. Auch ihre Inhaber hatten ein Interesse daran, um ihre Burg eine Siedlung entstehen zu lassen, denn die Burg mußte im Kriegsfalle verteidigt werden. Die Burgherren begünstigten deshalb die Ansiedlung mit Rechten und Privilegien. So entstanden stadtähnliche Gebilde, ”Freiheiten” oder “Städtlein”. Ihnen fehlten die wirtschaftlichen Voraussetzungen, um sich zur Stadt entwickeln zu können, und so sanken sie später wieder zu Dörfern ab. Reifferscheid, das hin und wieder “Stadt” genannt wird, ohne indessen offiziell zur Stadt erhoben worden zu sein, und Wildenburg, zählen mit Kronenburg im Altkreis Schleiden zu den typischen gotischen Burgsiedlungen kleinerer Herrschaften, die zudem noch ihre ursprüngliche Anlageform bewahrt haben.
G e s c h i c h t e
Die Burg Reifferscheid wird erstmals im Jahre 1106 erwähnt, als Heinrich, Graf von Limburg und Herzog von Lothringen, in den Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich IV. und dessen Sohn Heinrich selbst seine Burgen Limburg und Reifferscheid niederbrennt. Der Brand von 1106 setzt die Entstehung der Burg in noch früherer Zeit voraus. Im Jahre 1130 erhob Erzbischof Friedrich I. von Köln die bei der Burg gelegene Kapelle zur Pfarrkirche. Die Herren von Reifferscheid, die als eine jüngere Linie der Limburger Grafen angesehen werden, werden Ende des 12. Jh. im Besitze Reifferscheids genannt. Zu dieser Zeit umfaßte ihr Territorium noch die späteren Herrschaften Reifferscheid und Wildenberg. Die Brüder Gerhard und Philipp von Reifferscheid teilten um 1195 das Land. Philipp bekam Wildenberg und wurde Stammvater der Herren von Wildenberg. Gerhard von Reifferscheid und seine Nachfolger behielten Reifferscheid in ununterbrochener Generationenfolge bis zum Jahre 1794. Reifferscheid blieb bis ins 15.Jh. ständige und von da ab noch gelegentliche Residenz. Das Interesse der Landesherren hatte sich schon früh in den niederrheinischen Raum verlagert wo sie mit den Herrschaften Alfter, Bedburg, Dyck und Hackenbroich bedeutenden Besitz erworben hatten.
Einige Ereignisse aus der Geschichte Reifferscheids sind erwähnenswert: Im Jahre 1385 wurde Johann von Reifferscheid beschuldigt, den Landfrieden gröblich gebrochen zu haben. Der Landfriedensbund, eine Vereinigung der Städte Köln und Aachen, des Erzbischofs von Köln, des Bischofs von Lüttich, des Herzogs von Jülich, der Herzogin von Barabant und vieler Grafen und Edelleute zog daraufhin gegen Reifferscheid, um die Burg zu erobern und ihre Herren zu bestrafen. Um das Schloss versammelte sich alsbald ein bunter Heerhaufen, die Stadt Aachen hatte eine Blinde, eine Wurfmaschine mitgebracht, die große Steine gegen die Burgmauern schleuderte. Auch führten die Aachen und Herzog von Jülich “Donnerbussen”, frühzeitliche Kanonen mit. Doch die Fürsten und Adeligen waren offenbar nur halbherzig und nur unter einem gewissen moralischen Druck der Städte dem Zug gefolgt. Sie waren von Anfang an auf eine Sühne aus und mochten ihren Standesgenossen nicht allzusehr bedrängen. Johann von Reifferscheid indessen scheint eine günstige Gelegenheit zu einem Ausfall genutzt zu haben und brachte seinen Gegner merkliche Verluste an Menschen und Pferden bei. Als dann auch noch die Nachricht eintrat, Beauftragte der Belagerten hätten 500 Helfer anzuwerben versucht, die Burg zu entsetzen, waren die Herren im Lager gerne bereit, einen erträglichen Frieden zu schließen. In einer darüber am 11. Oktober ausgestellten Urkunde bekennt der Burgherr, Johann von Reifferscheid, daß er wegen des auf der Landstraße verübten Frevels gezwungen worden sei, sein Schloßss in die Hand des Königs auszuliefern. Die Gefangenen sollten beiderseitig freigegeben werden, und alles unbezahlte Geld solle “quitt” sein. Ferner versprach Johann, den Herren und Städten während der Dauer von acht Jahren keinen Schaden zu tun. Der günstige Ausgang für den Reifferscheider läßt den Schluss zu, daß die Burg nicht erstürmt worden ist.
Reifferscheid wurde mehrfach von Bränden heimgesucht. Am 23. Juni 1669 vernichtete ein Großfeuer, das durch die Unvorsichtigkeit eines Soldaten ausgelöst worden war, große Teile der Burg, den Dachstuhl und den Turm der Kirche sowie viele Häuser des Städtchens. Graf Erich Adolf ließ das Schloß unter weitgehendem Verzicht auf den fortifikakatorischen Charakter der Burganlage wieder aufbauen. Unheil traf den Ort, als am 14.September 1689 französische Truppen im Zuge der Reunionskriege die Mauern der Burg und Freiheit Reifferscheid, vor allem die Wehrgänge und den Oberbau der Tore und Mauern, zerstörten. Unter Graf Franz Wilhelm (1673-1734) wurde das Schloß, soweit es Schäden erlitten hatte, wieder hergestellt. Bei ihrem Einmarsch im Jahre 1794 beschlagnahmten die Franzosen das Schloß und die übrigen gräflichen Güter. Das Schloß wurde im Jahre 1805 versteigert; die Ersteigerer und ihre Nachfolgen benutzten die Anlage als Steinbruch, nachdem die wertvollen Materialien entfernt waren. Die Ruine ging schließlich im Jahr 1889 wieder in Besitz des Fürstenhauses Salm-Reifferscheid über, das sie am 12. April 1965 der Gemeinde Hellenthal übertrug. Seitdem hat diese bedeutende Teile des historischen Baubestandes freilegen und sichern lassen und die Anlage interessierten Besuchern zugänglich gemacht.
D i e B u r g s i ed l u n g
Die Burgsiedlung oder Freiheit Reifferscheid ist wehrtechnisch als äußerer Zwinger der eigentlichen Burganlage nach Norden, Osten und Süden entsprechend der Topographie des Berges vorgelagert, die eine weitere Vergrößerung von Burg oder Siedlung nicht zuließ. Nach der Zerstörung der oberen Mauerpartien (1689) wurden die Häuser an und auf die Ringmauer gebaut. Die untere Hälfte der Mauer ist fast vollständig erhalten, westlich des Matthias-Tores ist ohne Bebauung; die bis zur Kirche anschließende Ostpartie dient den anlehnenden Häusern als Fundament bzw. Außenmauer.
Die gefährdete Nordseite war mit einem Graben und einem Torbau (Matthias-Tor) gesichert. Über den Graben führte ursprünglich eine Zugbrücke, die im 18.Jh. durch einen steinernen Damm ersetzt wurde. Das Matthias-Tor ist ein kräftiger Bruchstein-Torbau des 14.Jh. auf rechteckigem Grundriß, vor die Ringmauer vorspringend und von 3/4-runden massiv gemauerten Flankentürmen verstärkt. Das heute zweigeschossige Matthias-Tor hatte früher als Obergeschoß den Wehrgang, der um 1900 durch ein Walmdach ersetzt worden ist. Von der ehemaligen Stadtbefestigung sind weiterhin zwei halbrunde Schalentürme in den Untergeschossen erhalten ( In der Freiheit 7 und 14) und in die Gebäude des 18. Jh. einbezogen.
Das anschließende Osttor wurde wohl erst im 15. Jh. angelegt und im 16. Jh. erneuert (der wehrgangartige Oberbau trägt die Jahreszahl 1581), während der anschließende annähernd rechteckige Turm vielleicht erst mit dem Bau des Tores entstanden ist. Die mittelalterliche Ringmauer verläuft bis zur Kirche, ist weiter als Friedhofsumfassungsmauer erhalten und stößt an die Südecke der Vorburgmauer. Die Kirche war sicher analog anderen Burgsiedlungen von Anfang an als Teil der Befestigung gedacht. Das Rundtürmchen an der Südostecke ist nur im Unterbau mittelalterlich, die Obergeschosse wurden nach 1865 erneuert.
Die Bebauung innerhalb der Ringmauer ist heute weniger dicht als im Mittelalter; alle Gebäude sind nach dem Brand (1669) und der Zerstörung (1689) entstanden. Die Straßenführung und die Plätze entsprechen weitgehend dem mittelalterlichen Grundriß; die Bebauung an der Ringmauer war erst nach Aufgabe der Wehrfunktion der Anlage möglich. Die Vorburg Die Vorburg, hauptsächlich eine spätgotische Anlage, ist der Kernburg im Osten und Süden vorgelagert. Von der zur Freiheit gerichteten Außenmauer der zwingerartigen Vorburg sind noch weite Teile erhalten, so der ganze Südteil mit den später aufgesetzten Gebäuden einer ehem. Remise (Zehntweg 9), des im 19. Jh. wieder aufgebauten Wohnhauses (Zehntweg 8) und der frühestens seit des 17.Jh. hier bestehenden ehem. Zehntscheune (Zehntweg 6 - dem heutigen Burg-Cafe). Die Außenwände dieser Gebäude bestehen z.T. aus der alten Vorburgmauer des 14. Jh., z.T. sind sie dieser nach der weitgehenden Abtragung der oberen Mauerpartien 1689 aufgesetzt. Das Tor des frühen 18. Jh. am Hause Zehntweg 8 diente als Haupteinfahrt.
Das Osttor ist ein kräftiger zweigeschossiger Bruchsteinbau aus zwei Türmen auf Hufeisengrundriß mit verbundenem Zwischenbau, darin die rundbogige Tordurchfahrt. Die Anlage des Tores ist nach -mittelalterlich, wenn auch dem altertümlichen Typ nach sicher früher als Ende des 17. Jh. entstanden, als es der vorhergegangenen Zerstörung wegen wieder aufgebaut werden mußte. Es entstand vielleicht als logische Weiterführung nach dem Bau des sogenannten “neuen Stadttores” (1.Hälfte des 15. Jh.); erhalten ist vom älteren Tor noch ein Spitzbogen im Durchgang. Insgesamt vermittelt die sog. Vorburg mit ihren wenigen aus Zweckbauten entstandenen Wohnhäusern, den großen Freiflächen und den fast ganz erhaltenen Mauerzügen mit Toren noch anschaulich nachvollziehbar ihren historischen Werdegang aus dem gotischen Zwinger über den barocken Vorplatz und Wirtschaftshof bis hinab zur kleinen bäuerlichen Einrichtung in den Resten des ehemaligen Herrschaftssitzes.
D i e S c h l o s s r u i n e
Die Ruine des Hochschlosses Reifferscheid ist eine im Kern spätgotische, allseits geschlossene Burganlage mit starkem Bergfried an der höchsten Stelle, nach Norden zur Hauptangriffseite gerichtet. Die anschließenden dicken Bruchsteinmauern des 14. Jh. wurden im 16. Jh. von innen verstärkt und dabei teilweise über bestehende Gebäude hinweggeführt. Vom so entstandenen Nordteil der Burg sind große Teile der Mauern und der Bergfried erhalten; die aus drei Mauerschalen des 14. bis 17. Jh. bestehende mächtige Schildmauer ist bis auf den Unterbau mit seinen tiefen Geschütznischen niedergelegt. Die Fundamente und z.T. die Kellergewölbe der Gebäude im nördlichen Drittel der Burg am Fuß des Bergfriedes werden als Überreste der Kapelle und der Nebenräume zum Palas angesehen. Der Aufgang zum Bergfried ist modern.
Vom Palas ist der zweischiffige kreuzgratgewölbte Keller vollständig erhalten, die aufgehenden Mauern sind teilweise ziemlich frei rekonstruiert.
Teile der Außenwände des Torflügels und das Rundbogenportal stammen aus dem 17. J.h. Die achteckigen Ecktürme (Nordosten, Südosten, Südwesten) bestehen nur noch in geringen Resten, der Südturm fußt dagegen auf einem starken halbrunden Unterbau wohl des 16. J.h. Er stellt den Typ des niedrigen Batterieturmes dar mit Geschützkammern, die an dieser Stelle wichtig waren zur Überwachung beider Vorburgtores und des Hauptschloßtores. Nach Norden und nach Osten ist das Schloß mit einer späten Verteidigungsplattform umgeben, ebenso ist am Westhang noch eine ähnliche Mauer erkennbar. Die Schloßruine im heutigen Bestand veranschaulicht bruchstückhaft die typische spätgotische Adelsburg mit Bergfried, Schildmauer und Palas; die erheblichen Verstärkungen wohl des 16. J.h. gegen moderne Geschütze sind deutlich ablesbar. Vom Wiederaufbau zum Barockschloß nach dem Brand von 1669 sind kaum Spuren geblieben. zurück
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